Matte-Zytig Dezember 1996
Rückblickend möchte ich vorerst einmal den „stressigen" August
revuepassieren:
Das "Aarelüchte" mit den unzähligen schwimmenden Kerzli vom 1. August war
ein Grosserfolg. Und so hoffen wir, dass wir das "Aarelüchte" künftig zur
Tradition werden lassen können!
Am Samstag, dem 10. August, verunsicherten uns die Wettergötter - wir
trotzten erfolgreich und die grillfreudigen Teilnehmerinnen und Teilnehmer
des Sommernachts-Plouschs konnten ihre Mahlzeiten noch vor dem grossen Regen
geniessen.
Das Altstadt-Festival vom 30.8./1.9. fiel nicht nach jedermanns resp.
jederfraus Geschmack aus. Unsere Senkeltram-Beiz vom 31.8. wurde bloss
mittelmässig besucht, was auf zu wenig umfassende Werbung zurückzuführen
ist. Die Besucherinnen und Besucher - zur Hauptsache Mätteler - erfreuten
sich an unserem vielseitigen Musikprogramm und den feinen Fisch-Fritures.
Bei dieser Gelegenheit danke ich allen, welche in irgendeiner Weise - sei
es in der Organisation oder als Konsumenten - zum Gelingen dieser Anlässe
beigetragen haben.
Unsere Mitglieder-Werbeaktion bescherte uns über 60 Neueintritte. Die
eiligsten Zahler (mit Stichtag 31.7.) beglückten wir mit
Konsumations-Gutscheine, gültig in Matte-Restaurants (welche sich in
verdankenswerterweise an den Kosten beteiligen). Den 1. Preis - ein
Heli-Rundflug - hat übrigens Frau Denise Boutellier, Goldschmiede-Atelier an
der Gerberngasse 16, gewonnen!
Vielen Dank auch für das in uns gesetzte Vertrauen!
Die fünfwöchige Matte-Sperre wegen Neupflästerung der Mattenenge vom
Juli/August bescherte uns allen viel (Verkehrs-) Ruhe. Dass dadurch einige
Gewerbler Umsatzeinbussen in Kauf nehmen mussten, war die einzige negative
Auswirkung.
Wegen Falschparkierens und Verkehrsbehinderung verteilte die Polizei am
Flohmärit vom 20. Juli grossräumig und äusserst grosszügig Bussen (während
Matten-Sperre!). In Folge unserer Interventionen - die Vereinigten
Altstadt-Leiste haben uns dabei unterstützt! - mussten wir erfahren, dass
Anwohnerinnen und Anwohner dies telefonisch verlangt hatten (siehe „Was mich
nervt!"). Gespräche mit dem Polizeikommando brachten nur bedingt
Erleichterung oder Einsichtigkeit, massgebend für „Parkierungskontrollen
sind allein Fragen der Rechtsstaatlichkeit, der Rechtsgleichheit und der
Sicherheit." Immerhin werden verschiedene Varianten geprüft, sodass „für
1997 das Parkierungsproblem während des Flohmarkts in der Matte gelöst sein
wird." (Zitate aus Bestätigung der Polizeidirektion vom 23.9.96.)
Durch Zufall kam uns (Mitte August!) zu Ohren, dass der Stadtrat die
Sanierung des Matte-Bachs bereits am 29.8. behandeln würde. Auf Drängen
vieler Anwohnerinnen und Anwohner kümmerten wir uns sofort um die
Möglichkeit, den Bach auch im Bereich der Gerberngasse zu öffnen, d.h. durch
Roste die Linienführung sichtbar zu machen. Im Stadtrat wurde dieses Thema
über zwei Stunden diskutiert. Aus verschiedensten Gründen aber fand bloss
die Öffnung des Bachs im Bereich der Schulhäuser Zustimmung, wobei dort die
Bachsohle leicht angehoben wird und ebenfalls die alte Schleuse renoviert
wird. Wie bereits bekannt, ist nun als Folge der Bachsanierung die
Matte-Durchfahrt vom 25.11. bis 21.12. wiederum gesperrt (1.Bauetappe: ca.
45m des untersten Teils des Bachs); die Parkplätze an der Gerberngasse 7/8 -
21/22 entfallen. Ab Januar 1997 erfolgt die restliche Sanierung im Raum
Gerberngasse; ab Februar beginnt die 2. Etappe ab Wöschhüsi bis und mit
Mühlenplatz, gefolgt von der 3. Etappe bei den Schulhäusern; dies immer ohne
weitere Durchgangssperren, freilich aber mit Verkehrs- und
Parkierungsbehinderungen! Bei allfälligem Hochwasser müssen die Bauarbeiten
unterbrochen werden, sodass sich Terminverschiebungen ergeben könnten.
Während der 1. Etappe (25.11.-21.12.) würde bei Bauunterbruch die
Durchgangssperre aufgehoben.
Im Rahmen der 2. Etappe werden gleichzeitig weitere Verbesserungen
vorgenommen wie Nivellierung der Bachübergänge, mit neuen
Geländer-Abschrankungen, und die Entfernung der Betonplatte westlich des
Wöschhüsis etc.
An unserem Altersausflug vom 24.8. beteiligten sich 46 rüstige Meitschi u
Buebe der Matte. Leider verlässt das bewährte Organisationsteam Theresa und
Kaspar Woker die Matte, sodass wir für 1998 neue Helferinnen resp. Helfer
suchen müssen. Der Familie Woker danken wir bei dieser Gelegenheit für ihre
langjährige tatkräftige Mitwirkung im Dienste des Matte-Leist und wünschen
ihr am neuen Wohnort alles Gute.
Am 5. September trafen wir uns mit den Verantwortlichen unserer
Restaurants und Clubs wieder zu einem Gespräch. Dabei kamen auch deren
aktuellen Probleme zur Sprache. Die strengeren und erhöhten Bussen, vorallem
für Falschparkierer, beeinflussen neben den allgemeinen
Wirtschaftsschwierigkeiten ihre Kundenfrequenz zusätzlich negativ. Zuhänden
unserer Leserinnen und Leser wünschen sie, dass Reklamationen bezüglich Lärm
oder Parkiererei ihnen direkt mitgeteilt würden, anstatt der Polizei!
Der Versuch, Freitag und Samstag nachts an der Aarstrasse zu parkieren,
ist gescheitert! Die Gründe hierzu liegen auf der Hand (schlechte
Signalisation und Hinweise)! Wir sind nachwievor der Meinung, dass z.B. mit
„versetzten" blauen Parkfeldern einerseits das Problem der mangelnden
Parkiermöglichkeiten in der Matte gelöst werden könnte und anderseits die
Raserei an der Aarstrasse verhindert würde. Aber eben... (siehe „Was mich
nervt!")
Nun wenden wir uns aber zum Jahresabschluss eher „einsprachefreien"
Aktivitäten zu!
Der Wöschhüsi-Verein nimmt langsam konkrete Formen an und wir treten schon
bald mit unserem Vorhaben an die Öffentlichkeit.
Im Dezember erleben wir wiederum die lebendigen Adventsfenster - bitte
Plan in der Heftmitte beachten! Auch die Weihnachtsbäume dürften uns wieder
erfreuen, sofern uns nicht allzu oft die Lämpchen ausgeschraubt werden! Und
am 20. Dezember sollten Sie den Besuch des Samichlous (ab 18.00h im
Wöschhüsi) nicht verpassen! Wir freuen uns auf möglichst viele gegenseitige
(spontane!) Advents-Besuche und danken allen, welche aktiv unsere
Quartieranlässe unterstützen.
So wünsche ich allen Lesern eine frohe Weihnacht und ein glückliches Neues
Jahr!
(Artikel BZ Ende September 1996)
Am Sonntag abend meldete eine Frau aus dem Mattequartier, dass ein Schwan
im Mattekanal am Ertrinken sei. Während einer rund 70-minütigen Aktion der
Sanitäts- und Stadtpolizei konnte das erschöpfte Tier aus der Aare ins
Schlauchboot gebracht werden. Wie die Stadtpolizei Bern in einem
Pressecommuniqué mitteilte, befand sich der Schwan über 20 Stunden im Kanal
und konnte diesen aus eigener Kraft nicht mehr verlassen. Der unverletzt
gebliebene Schwan wurde bei den Schwellenmätteli-Kiesbänken wieder in die
Freiheit entlassen.
.... es isch doch schön, dass mir Mätteler ou es Härz für armi Viecher hei
!
1996 verlieh die Stadt Bern erstmals den "Sozialpreis der Stadt Bern". Die Ehrung erfolgte am 16. Oktober 1996 anlässlich eines Sonderkonzertes im Casino Bern. Geehrt wurde einerseits Frau Rosa Lehmann für ihre langjährige unermüdliche Tätigkeit in der Männerherberge und in der Spysi. Sie leistete nicht nur als Hausmutter der Männerherberge, sondern auch innerhalb von Küche und Service in der Spysi einen unermüdlichen Einsatz. Die Auszeichnung wurde in Anerkennung einer vorbildlichen Arbeit zugunsten obdachloser Menschen während 38 Jahren verliehen. Der Zweite Teil des Sozialpreises ging an die freiwilligen Helferinnen der Spysi an der Junkergasse, die "Spysi-Frauen". Gegenwärtig teilen sich während der Wintersaison 30 bis 35 Frauen die Arbeit. Der seit der Gründung der Spysi im Jahre 1871 durch diese eherenamtlichen Frauen geleistete grosse selbstlose Einsatz, der auch in der heutigen Zeit seinen wesentlichen Wert beibehalten hat, verdient eine besondere Anerkennung und den Dank der Berner Stadtbehörden.
die SPYSI ist wieder geöffnet ! vom 4. November bis 20. Dezember und dann
wieder vom 6. Januar bis 21. März 97
Die Preise sind unverändert günstig:
Die SPYSI wird von uns und anderen (Altstadt-) Leisten finanziell unterstützt - aber auch von grosszügigen (ungenannten) Sponsoren, von der Stadt etc.
Die Fortsetzungsgeschichte aus dem Berner Matte-Quartier
Die Wagenpark GmbH ging also in die Offensive. Der Antrag zum Bau eines
Parkhauses in der Nähe des Mühleplatzes wurde ohne grosses Aufsehen
eingereicht. In der Zwischenzeit war die Stimmung im Mattequartier auf dem
Siedepunkt angelangt. Die Lage war angespannt und das Ganze schien jeden
Moment zu explodieren. MICROP-Filialen in der gesamten Region Bern wurden
mit Farbbeuteln beworfen, Alfred X. Gilgen erhielt Dutzende von anonymen
Telefonanrufen mit Drohungen und Architektin Madeleine Loosli wurde von
einigen Freunden wegen ihrem Engagement in der Matte gemieden und umgangen.
In besagtem Haus an der Wasserwerkgasse kämpften dessen Bewohner(innen)
beinahe Tag und Nacht gegen den drohenden Umbau. Drahtzieher aller Aktionen
war XXXX XXXXXX. Bei ihm liefen die Fäden zusammen, er hatte sich eigens
eine Anlaufstelle mit einem kleinen Büro eingerichtet und er schuftete, was
das Zeug hielt. Ein Mann geriet speziell unter Beschuss: Alfred X. Gilgen,
der übergewichtige Hausbesitzer und Hauptinitiator des Projektes
"MICROP-Filiale an der Wasserwerkgasse". Er wurde vor allen Dingen durch die
Presse etwas näher und kritischer begutachtet und hatte fortan schwer mit
der Glaubwürdigkeit seiner Person und dem angekratzten Image seiner Firma zu
kämpfen. Dafür trug er aber selbst die Verantwortung. Seine früheren
Aussagen deckten sich nicht mit den aktuellen und waren häufig
unglaubwürdig. Kein Wunder, dass die Medien umso mehr auf ihn aufmerksam
wurden und ihn deshalb etwas genauer unter die Lupe nahmen. Wie vermutet
kamen jetzt Unstimmigkeiten und Unregelmässigkeiten zum Vorschein, die von
der lokalen Journaille genüsslich ausgeschlachtet wurden. Letztendlich blieb
Alfred X. Gilgen nichts anderes mehr übrig, als zu flüchten. Eines Tages war
er spurlos verschwunden. Er hatte sich mit einer Freundin nach Bali
abgesetzt und niemand wusste, wo er genau steckte. Die Geschicke der Gilgen
Invest & Consulting AG übernahm einstweilen sein Stellvertreter Robert
Sommer. Der 36-jährige Bauführer ging wesentlich gewandter und schlauer mit
der Presse um. Auf den ersten Blick war er sogar ein wenig sympathisch. Kein
Wunder, hatte man es doch vorher mit der Widerwärtigkeit in Person zu tun.
Beim MICROP-Konzern versuchten sich derweil die Verantwortlichen mit
fadenscheinigen Ausreden aus dem Kreuzfeuer der Kritik zu befreien. Immer
wieder wurde betont, dass man zwar die Situation im Matte-Quartier
anfänglich nicht richtig eingeschätzt hatte, aber mit dem vermeintlichen
Rauswurf der jungen Bewohner im Haus an der Wasserwerkgasse rein gar nichts
zu tun hätte. Das ging natürlich umso besser, weil Hauptsünder Gilgen ins
Ausland geflüchtet war und sein Stellvertreter Sommer beteuerte, vom
Rauswurf "dieser wirklich sympathischen Wohngemeinschaft" nichts gewusst zu
haben. Für Gilgen wurde die Situation immer prekärer. Je länger sich der
alkoholabhängige Geschäftsführer ins Schneckenhaus zurückzog (sprich sich in
Bali auf der faulen Haut ausruhte) desto mehr wurde er in seiner Heimat zum
Sündenbock gestempelt. Seine ehemaligen Mitstreiter wollten plötzlich nichts
mehr mit ihm zu tun haben. Im Gegenteil, sie hauten den "Fettbrocken" lieber
von Mal zu Mal in die Pfanne. Und die lokale Presse frass den eigentlich
Mitschuldigen locker aus der Hand. Der Unmut auf Alfred X. Gilgen ging
einstweilen soweit, dass einige Schlaumeier in der ganzen Stadt Anti-Gilgen
T-Shirts verkauften, die natürlich reissenden Absatz fanden. Eine einzige
Person war plötzlich Schuld an einer Aktion, die von einem ganzen Gremium
abgestützt und beschlossen worden war. Da nutzte auch nichts, dass es trotz
all den .Anschuldigungen einzelne Personen gab, die das ganze nicht so
einseitig sahen. So zum Beispiel die Journalistin Nora Hürlimann, die der
ganzen Sache natürlich mit besonderem Eifer auf der Spur war. Als Bewohnerin
des alten Hauses an der Wasserwerkgasse und somit direkt Betroffene
recherchierte sie etwas tiefgründiger als ihre Kollegen. Und dies, obwohl
sie von ihrem Chef noch immer mit einem Maulkorb belegt war. Was aber nicht
hiess, dass sie ihre journalistischen Privilegien ebenso ausnutzte wie ihr
besonderes Wissen rund um das zum Neubau geplanten Haus.
Aber nicht nur Nora Hürlimann wusste, dass Gilgen nicht der alleinige
Sündenbock sein konnte. Gilgens Sekretärin Therese Nietlisbach kannte ihren
Chef nur allzugut und wusste, dass dieser nicht im Stande war, ein solches
Ding alleine durchzuziehen. Zudem empfand sie es unfair, dass Gilgens
Stellvertreter die gesamte Verantwortung auf seinen unwissenden Chef
abwälzte. Aber Sommer war in erster Linie um seinen eigenen Ruf besorgt. Und
erst in zweiter Linie am Weiterbestehen der Gilgen Invest & Consulting AG.
Denn er wusste, dass wenn sein Boss zwar eines Tages in die kalte Schweiz
zurückkehren würde, sein Ansehen zerstört war. Was blieb dem skrupellosen
Geschäftsführer demzufolge anders übrig, als die Firma seinem
Stellvertreter, also ihm selbst zu übergeben, ja vielleicht sogar billig zu
verkaufen. So sehr Therese Nietlisbach Alfred X. Gilgen verabscheute, so
ungerecht fand sie, dass sich dieser schnodrige Sommer auf Kosten ihres
Chefs in ein gutes Licht rückte. Zumal sie wusste, dass der Bauführer
genaustens über das Projekt im Bild war. Kam dazu, dass Robert Sommer mit
Fränzi Von Allmen eine überaus charmante und wesentlich besser aussehende
Sekretärin hatte, der er dauernd schöne Augen machte. Therese Nietlisbach
selbst aber war von einem Tag zum anderen von der Chef-Sekretärin mit
Privilegien zu einer normalen Tippse degradiert worden. Und dass sie darüber
nicht erfreut war, ist schliesslich nichts als menschlich...
Ohne dass die breite Öffentlichkeit detailliert darüber informiert war,
wurde die Situation von Tag zu Tag brenzliger und verzwickter. Inzwischen
verkrachte sich am anderen Ende der Welt Alfred X. Gilgen mit seiner
weiblichen Begleitung, weil er sie durchschaute: Die junge
Landschaftsgärtnerin Edith Pulver hatte es nur auf das Geld, nicht aber auf
den zweifellos weniger attraktiven Geist und Körper Gilgens abgesehen. Der
Boss war verärgert und es musste jetzt ein Führungsentscheid her. Er
beschloss trotz der widrigen Umstände in seine Heimat zurückzukehren.
Logischerweise mit allen erdenklichen Sicherheitsvorkehrungen, die ihm ein
vorläufiges Untertauchen ermöglichten. Edith Pulver wusste von den Plänen
ihres "Geliebten" nichts und kehrte kurz darauf alleine in die Schweiz
zurück. Am Flughafen in Kloten wurde sie von der Presse in Empfang genommen
und ausgequetscht, wobei in erster Linie der Verbleib Gilgens interessierte.
Sio verschaffte sich Luft, indem sie alles Wissenswerte schilderte, unter
anderem auch den genauen Aufenthaltsort Gilgens. Dadurch geriet sie
einerseits ausser Verdacht, mit dem Skandal auch nur annähernd etwas zu tun
zu haben, und andererseits wurde sie für die Medien uninteressant.
Inzwischen buchte der "Fettkloss" einen Flug von Bali nach Djakarta, von
wo er seine Weiterreise organisierte. 3 Tage danach flog er nach Frankfurt
und tauchte dort erst einmal für ein paar Tage unter, um das Geschehen in
Bern vom sicheren Ausland aus zu beobachten und sich Gedanken über das
weitere Vorgehen zu machen.
Unterdessen war aus den Medien praktisch nichts mehr vom "Fall Gilgen",
der ja eigentlich ein "Fall MICROP" war, zu vernehmen. Und zwar aus dem
einfachen Grund, weil niemand herausfand, wo sich der "Hauptsünder" befand.
Mit Wohlwollen bereitete Alfred X. Gilgen seine Rückkehr in die Schweiz vor.
In der Zwischenzeit lief für die Wagenpark GmbH alles wie am Schnürchen:
Der Antrag zum Bau eines Parkhauses in der Matte wurde von der Stadt
geprüft. Bisher war nichts an die Oeffentlichkeit gelangt. Gudrun
Nöthigenfels hatte die Gunst der Stunde genutzt und einmal mehr ihr feines
Gespür bewiesen. In einem von der Geschäftsleitung präsentierten
Argumentarium waren die geschickt formulierten und einleuchtenden Gründe für
das Parkhaus-Projekt in der Matte fein säuberlich aufgeführt. In einer
Sitzung mit der Planungs- und Baudirektion wurden die Initianten jedoch auf
die möglichen Gefahren und Konfliktsituationen aufmerksam gemacht. Aber alle
vorsichtigen Warnungen prallten bei der unbeirrbaren Unternehmerin und ihren
willigen Herren auf eine Mauer von Unverständnis, Hochmut und
Gleichgültigkeit. Kurze Zeit später wurde das Projekt publiziert: So
unauffällig wie möglich, mitunter Dutzenden von anderen öffentlichen
Ausschreibungen.
Nora Hürlimann recherchierte, was das Zeug hielt. Sie war überzeugt, dass
sie nur weiterkam, wenn sie sich im Hause Gilgen Invest einmal genauer
umsah. In einer der nun regelmässig stattfindenden internen Sitzungen im
Haus an der Wasserwerkgasse erinnerte sich plötzlich Kim Mc Sullivan an die
Sekretärin von Gilgen. Leider hatte sie deren Namen vergessen. "Ueberlasst
das nur mir, ich finde das ohne grossen Aufwand heraus", versprach Nora der
versammelten Menge. "Wir müssen dieser Sekretärin ein wenig auf den Zahn
fühlen. Vielleicht ist sie ja auch nicht nur gerade gut auf Gilgen zu
sprechen. Auf jeden Fall weiss sie mit Sicherheit mehr Details als wir und
wenn wir vorsichtig mit ihr umgehen und sie mit Samthandschuhen anfassen,
wer weiss, was uns die gute Frau nicht noch alles zu erzählen hat. Ich werde
mir sie morgen früh mal vorknöpfen." Die übrigen Hausbewohner nickten
zustimmend. Es war eine stille Bejahung in einer immer verzweifelteren
Situation, aus der es, so wie es zumindest zur Zeit aussah, keinen konkreten
Ausweg gab. Die jungen Leute waren jedoch froh für alle, die den Kampf um
die Erhaltung des Wohnhauses noch nicht aufgegeben hatten. Und Nora
Hürlimann spürte, dass noch längst nicht die ganze Wahrheit ans Tageslicht
gekommen war.
Am Tag darauf rief sie gegen 9.30 Uhr aus einer Telefonzelle in der
Innenstadt die Gilgen Invest & Consulting AG an. Den Namen der Sekretärin
fand sie rasch heraus, die Telefonistin hatte auch keinen Anlass ein
Geheimnis daraus zu machen. "Guten Tag Frau Nietlisbach, hier spricht Nora
Hürlimann. Ich rufe Sie als Vertreterin aller Hausbewohnerlnnen des alten
Hauses an der Wasserwerkgasse an und hätte Ihnen gerne einige Fragen
gestellt." Therese Nietlisbach war zwar überrascht, sah aber keinen
erkennbaren Grund, dieser fremden Frau keine Auskunft zu geben. Zuhören"
konnte man ja immer. "Na dann schiessen Sie los , erwiderte sie. "Also, als
erstes möchte ich Ihnen sagen, dass wir wissen, dass man nicht die ganze
Schuld ihrer Firma in die Schuhe schieben kann. Die Presse hat zum Teil viel
zu einseitig reagiert und besonders den MICROP-Konzern unverhältnismässig
stark in Schutz genommen. Nun, wir haben uns überlegt, was jetzt weiter
passiert und wollten Sie .einmal höflich fragen, ob Sie über das weitere
Vorgehen im Bild sind. Vielleicht finden wir ja sogar eine Einigung.
Kommunikation kann manchmal gar förderlich sein, finden Sie nicht auch?"
Therese Nietlisbach fühlte sich merklich geschmeichelt. Schliesslich hatte
man sie und nicht den neuen Geschäftsführer ad interim, Robert Sommer
angerufen. So stand sie endlich wieder einmal ein wenig im Mittelpunkt.
Zumindest hatte man sie noch nicht vergessen. Und ein wenig fühlte sie sogar
mit den Hausbewohnern in der Matte mit. Sie konnte sich ja schliesslich auch
nicht vorstellen, ihre geliebte Mietwohnung an der ruhigen Lage in
Jegenstorf von einem Tag auf den anderen aufgeben zu müssen. Und ihren
blühenden Gemüsegarten. Nora Hürlimann hatte den wunden Punkt von Therese
Nietlisbach getroffen. Die Sekretärin plauderte jetzt aus dem Nähkästchen
und erzählte der jungen Journalistin Dinge, die nicht unbedingt an die
Oeffentlichkeit gehörten. "
Sie haben recht, ich habe es auch satt, dauernd als Sündenbock
abgestempelt zu werden, nur weil ich bei Gilgen Invest arbeite. Also, Herr
Gilgen ist immer noch unauffindbar. Nicht einmal wir selbst wissen, wo er
sich zur Zeit aufhält. Was das Projekt anbelangt, sind zur Zeit sämtliche
Aktivitäten auf Eis gelegt. Unser stellvertretender Geschäftsführer heisst
Robert Sommer, und unter uns gesagt, ich kann ihn nicht ausstehen. Er will
sich überall beliebt machen und hofft, dass der Gilgen hier nie wieder
auftaucht. Und seine Sekretärin erst: die schmiert sich täglich dermassen
viel Schminke ins Gesicht, dass...". Nora musste jetzt eingreifen und die
eifersüchtige Tippse dazu bringen, sich auf das Wesentliche zu beschränken.
"Entschuldigung, wenn ich Sie unterbreche, aber wissen Sie konkret, was wir
tun sollen. Wir waren nämlich inzwischen bei unserem Anwalt, und der sagte
uns, dass der Mietvertrag aufgrund eines nicht zwingenden Umbaus in den
nächsten 5 Jahren nicht kündbar ist." Nietlisbach zeigte sich zwar
einerseits über die Neuigkeit erstaunt, erwiderte aber gleichzeitig: "Der
Gilgen hat immer gesagt, er wisse nicht, ob er damit durchkomme. Aber der
Architektin und den MICROP-Leuten hat er natürlich niemals ein
Sterbenswörtchen von seinen Zweifeln erzählt. Jetzt begreife ich auch, dass
seine Flucht nicht nur mit den Angriffen auf seine Person zu tun hatte. Und
Sommer weiss sowieso nicht ausreichend Bescheid, um dieses Projekt
erfolgreich über die Bühne zu bringen." Nora's Taktik schien aufzugehen. Das
mit dem Anwalt stimmte natürlich hinten und vorne nicht, aber diese Notlüge
erzeugte seine Wirkung. Sie merkte nun, dass nicht alles mit rechten Dingen
zu und her gegangen sein konnte und der geplante Umbau rechtlich tatsächlich
auf wackligen Füssen stand. Für's erste hatte sie genug gehört. Sie
verabschiedete sich von Therese Nietlisbach, nicht ohne zu erwähnen, sich in
nächster Zeit nochmals bei ihr zu melden.
Alfred X. Gilgen kehrte in die Schweiz zurück. Mit einem in Frankfurt
gemieteten Wagen fuhr er von Strassburg nach Colmar. Von dort aus versuchte
er auf Schleichwegen über einen unbewachten Grenzübergang in der Nähe von
Pruntrut über die Grenze zu gelangen. Und er hatte Glück: Ohne sich
ausweisen zu müssen betrat er nach 5-wöchiger Absenz zum ersten Mal wieder
Schweizer Boden. Wie geplant fuhr er ins kleine und bescheidene Hôtel La
Couronne in Sonceboz. Dieser unauffällige Ort im Berner Jura war der neue
Ausgangspunkt für die Pläne des angeschlagenen Geschäftsführers. Hier würde
ihn mit Bestimmheit niemand erkennen. Zudem war er nur etwa eine halbe
Autostunde von Bern entfernt und konnte aus nächster Nähe beobachten, was
sich in und um die Hauptstadt abspielte. ach einer knappen Woche hielt er es
nicht mehr aus und wagte sich ein erstes Mal in die Höhle des Löwen. Ohne
vorgängig jemanden zu kontaktieren bretterte er mit seinem Schlitten nach
Bern.
Um 2.30 Uhr wurde Erika Morgenthaler durch einen gewaltigen, dumpfen Knall
aus dem Schlaf gerissen. Ein Geräusch, das sie nur allzu gut kannte,
schliesslich hatten sich in den letzten 40 Jahren, in denen sie an der
Badgasse wohnte, Dutzende von Selbstmördern über die Münsterplattform
gestürzt. Einmal musste sie sogar Blutspritzer vom Küchenfenster abwischen.
Und in ihrem Alter haben die meisten Leute einen nicht mehr allzu tiefen
Schlaf. Mühsam raffte sie sich auf und machte das Licht an. Zuerst im mit
vielen Erinnerungs-Photos geschmückten Schlafzimmer, danach in der Küche. Da
sie im Hochparterre wohnte, hatte sie einen optimalen Ausblick auf den
leicht unterhalb ihrer Wohnung gelegenen Parkplatz. Und tatsächlich; der
Anblick war wieder einmal grauenvoll. Hier der zerbeulte schneeweisse
Mercedes und da kurz vor der Motorhaube ein riesiges, bewegungsloses Stück
Fleisch, in einer blutroten Lache liegend. Erika Morgenthaler zögerte keinen
Augenblick. Sie rief die Sanitätspolizei an und wartete in der Küche, bis
die zwei Beamten an der Badgasse eintrafen. Hermann Köhli hatte schon vieles
gesehen, aber als er die blutüberströmte Leiche sah, musste er sich erst
einmal heftig übergeben. Aber es gab keinen Zweifel, beim toten Mann
handelte es sich um niemanden Geringeren als den Geschäftsführer der Gilgen
Invest & Consulting AG: Alfred X. Gilgen.
Als Kommissar Nussbaum am nächsten Morgen in Zivil und in Begleitung
seines schweigsamen Assistenten Marcel Glatzmann bei der Wagenpark GmbH nach
Frau Gudrun Nöthigenfels fragte, schlug es gerade 8.30 Uhr. Die strenge
Gudrun war eben erst eingetroffen und hatte keine Ahnung, was die Polizei
von ihr wollte. Widerwillig musste sie den zwei Beamten Einlass in ihr
grosszügiges Büro gewähren. "Guten Tag, was wünschen Sie", begrüsste sie die
zwei höflich aber zurückhaltend. "Grüessech Frau Nöthigenfels, entschuldigen
Sie die frühe Störung, aber besitzen Sie einen weissen Mercedes SE mit dem
Kennzeichen BE 123'738?" "Das ist richtig, der steht hinten an der Badgasse
und ich hätte ihn bereits gestern umparkieren sollen, ich weiss. Aber wissen
Sie, das ist es ja genau. Wir haben einfach viel zu wenig Parkplätze in der
Stadt. Besonders hier in der Matte ist die Situation einfach unerträglich,
es gibt Tage...". "Es geht hier nicht um Parkbussen oder falsch abgestellte
Autos. Heute morgen um 2.30 Uhr Ortszeit ist ein Mann von der
Münsterplattform direkt auf ihr schönes Auto gefallen, Frau Nöthigenfels.
Wenn Sie uns bitte schnell begleiten wollen." Der sonst überaus
selbstsicheren und gefassten Dame war auf einmal die Sprache weggeblieben
und sie folgte den beiden Beamten wortlos in die Badgasse.
Die Nachricht vom Tod Alfred X. Gilgens verbreitete sich in der Stadt wie
ein Lauffeuer. Neben den lokalen Medien waren jetzt plötzlich auch nationale
Presse- Vertreter auf der Suche nach den ersten Spuren und neusten
Tatsachen. Der Fall Gilgen wurde zum nationalen Medienereignis. Bereits
waren die wildesten Gerüchte im Umlauf und eine Behauptung jagte die andere.
War der Geschäftsführer freiwillig in den Tod gesprungen? Oder wurde er
letzten Endes gar umgebracht, und wenn ja , von wem?
Ludwig Lustfeld, einem freien, redaktionellen Mitarbeiter der nur im
Kanton Bern erscheinenden, linkslastigen Wochenzeitung mit dem kuriosen
Namen "Die Baumkrone" war als aufmerksamem Beobachter und einzigem
Pressevertreter die .kleine und unauffällige Ausschreibung der Wagenpark
GmbH aufgefallen. Wie der Zufall es wollte, machte sich Lustfeld am Morgen
nach dem Attentat auf den Weg in das für seine Begriffe bisher unbekannte
Matte-Quartier, um sich dort ein wenig umzusehen. Als er zu Fuss die
Münstertreppe hinunterlief, bemerkte er plötzlich den Rummel und die vielen
Leute in der Badgasse und begab sich unauffällig in die Mitte der
Menschen-Ansammlung. Bald darauf wusste auch er, dass an dieser Stelle
Alfred X. Gilgen über die "Pläfe" gestürzt war.
Zur gleichen Zeit kam Gudrun Nöthigenfels mit den beiden Polizei-Beamten
zum Tatort. Als die abgebrühte Managerin ihren zerbeulten Mercedes sah,
wurde sie kreidebleich im Gesicht. Das Dach war ebenso eingedrückt wie die
Motorhaube, die Windschutzscheibe zerborsten, überall lagen Glassplitter in
eingetrocknetem Blut. " Ist das Ihr Wagen Frau Nöthigenfels", fragte
Kommissar Nussbaum. Die Geschäftsführerin nickte stumm und brachte fortan
keinen Ton mehr heraus, was selten bis nie vorkam. "Darf ich Sie bitten, uns
heute Nachmittag auf dem Polizeirevier einen Besuch abzustatten, damit wir
uns ein wenig unterhalten können?" Nöthigenfels wollte etwas erwidern, war
aber weiterhin zu keinem Wort fähig. Nussbaum schlug 16.00 Uhr vor und
verabschiedete sich gleichzeitig. Assistent Glatzmann folgte ihm wie ein
Hündchen. Weil der neugierige Reporter Ludwig Lustfeld in unmittelbarer Nähe
herumlungerte, kam dieser wie die Jungfrau zum Kind, denn erstens wusste er,
wem das Auto gehörte, auf das der Geschäftsführer der Gilgen Invest gestürzt
war, und zweitens hatte er den kleinen Kleber auf der Rückseite des Autos
mit der Aufschrift "Wagenpark macht sich für Wagen stark" entdeckt. So
unauffällig wie möglich folgte er Gudrun Nöthigenfels bis zu den
Büroräumlichkeiten der Wagenpark GmbH.
Lesen Sie in der nächsten Matte-Zeitung, was der "Fall Gilgen" mit dem
Projekt "Parkhaus in der Matte" der Wagenpark GmbH zu tun hat. Und ob die
sympathische Wohngemeinschaft weiterhin in ihrem Haus an der Wasserwerkgasse
bleiben darf.
Dieses Jahr werden die Kerzen am Weihnachtsbaum wieder brennen. Beim
letzten Konzert haben uns die vielen kleinen Flämmchen im Grün der hohen
Tanne gefehlt. Sie werden wieder flackern, sich im Rhythmus der feinen
Luftströme hin- und herbewegen. Ihr Strahlen überträgt sich ja so leicht auf
uns.
Bewegt wird natürlich das Konzert auch dieses Jahr wieder werden und wir
werden den Rahmen des Gospelliedes etwas sprengen. Natürlich werden wir
wieder ein paar wunderschöne Gospel spielen, das Repertoire haben wir um
einige sehr swingenden Songs erweitert. Auf der Orgel wird auch Hans Peter
Graf wieder ein virtuoses und lebhaftes Eingangsspiel aufführen. Und
bestimmt werden sich die Töne des grossen Instrumentes, der Orgel, mit
denjenigen des winzig kleinen,der Bluesharp verbinden. Auch das
Schlagzeugsolo von Bänz wird nicht fehlen und die Zuhörer einmal mehr von
den Sitzbänken heben.
Im Programm stehen weiter einige bluesige und soulige Songs (auch
Eigenkompositionen) - und es wird Ueberraschungen geben. Die verraten wir
allerdings nicht.
Kommen Sie auch dieses Jahr wieder und geniessen Sie die Musik mit uns.
Der Eintritt ist frei. Am Schluss gibt es eine Kollekte.
Die Musiker:
Dienstag, der 15. Oktober 1996 war für mich ein ganz normaler Arbeitstag.
Müde und zufrieden sass ich beim Nachtessen, als mich die brutale Nachricht
erreichte: Der Hof unseres Gemüselieferanten Hänni stehe in Flammen. Ich
konnte es zuerst nicht fassen, hatte uns doch Frau Hänni noch an diesem
Morgen - wie an jedem Dienstag und Freitag - frisches Biogemüse geliefert.
Ich kenne die Familie Hänni recht gut. Bei meinen wöchentlichen Einsätzen
auf ihrem Hof habe ich mich immer sehr wohlgefühlt. Im 300-jährigen
Bauernhaus lebte das Ehepaar Beat und Kathy mit seinen beiden Kindern Olga
und Anton. Auch Angestellte gehörten zur Familie und im Stöckli, das zum
Glück unversehrt blieb, wohnen die Schwestern und die Mutter der Bäuerin.
Diese Gemeinschaft ist durch das furchtbare Unglück auseinandergerissen
worden, denn das Bauernhaus mitsamt den Stallungen und dem Heustock ist
völlig abgebrannt; Brandursache war ein Kurzschluss.
Als der Brand ausbrach, war eine Mitarbeiterin im Stall beim Melken. So
konnten durch sie und die herbeigerufenen Geschwister das gesamte Vieh vor
den Flammen gerettet werden.
Der Familie wurde von der Gemeinde eine Ersatzwohnung zur Verfügung
gestellt. Mehr als eine vorübergehende Schlafgelegenheit ist sie für Hännis
aber nicht. Ihr Leben ist und bleibt im Heimenhaus, und der Zusammenhalt
untereinander ist durch das Unglück gestärkt worden. So wird zu Mittag und
Abend zusammen im Stöckli gegessen.
Bald sollen Baracken allen ehemaligen Bauernhausbewohnern wieder ein
vorübergehendes Zuhause bieten.
Die ersten drei Wochen nach dem Brand waren für alle mit dem Heimenhaus
Verbundenen eine schwere und traurige Zeit. Den Kopf hängen lassen haben die
Bauersleute jedoch nie. Am meisten dabei geholfen hat ihnen wohl die breit
abgestützte Anteilnahme und die vielen Hilfeleistungen. Auf dem langen Weg
zu einem neuen Zuhause sind sie aber noch auf viel anhaltende Unterstützung
angewiesen, sowohl moralisch wie auch finanziell.
Auch wir im Matte-Laden beteiligen uns an der Spendeaktion. Ein
Spendekässeli - auch unser Trinkgeld kommt bis auf weiteres Hännis zugute -
wurde unmittelbar nach dem Unglück eröffnet. Bis jetzt sind immerhin schon
gegen Fr. 1'000.-- zusammen gekommen.
Mindestens ebenso wichtig ist es, dass die Produkte von Hännis weiterhin
rege nachgefragt werden. Den eingeschlagenen Weg fortzufahren fällt viel
leichter, wenn sie spüren, dass ihr Gemüse und somit ihre Arbeit von den
Leuten geschätzt wird.
Von Hännis werden den ganzen Winter Lagergemüse und Saisonsalate (Nüssler,
Zuckerhut, zur Zeit auch noch Ciccorino Rosso, Endivien und Endivien-Frisee)
im Matte-Lade erhältlich sein.
Wir werden uns Mühe geben, von Zeit zu Zeit über die Situation des
Bio-Hofes im Heimenhaus zu berichten, sei es mit Anschlägen im Laden oder in
sonst einer Form.
Das von der Gemeinde Kirchlindach eröffnete Spendekonto lautet:
16/6.540.235.09
Spar + Leihkasse in Bern
B. Hänni, Heimenhaus
3038 Kirchlindach
Es sind bei uns entsprechende Einzahlungsscheine erhältlich. Für Ihre
Unterstützung danken wir bestens.
Vor kurzer Zeit wurde am runden Tisch im Mühlerad heftig diskutiert, wo
der Mattebach eigentlich durchfliesst. Von wo kommt er, wohin fliesst er?
Housi als alteingesessener Mätteler erklärte, dass der versteckte untere
Teil in der Gerberngasse unerwartet auf die linke Seite der Gasse führe,
dann rechts abbiege und unter dem Haus Nr.7 - sichtbar im Keller - in
Richtung Aare fliesse.
Bei diesem Gespräch spürte man, dass dieser Mattebach für die
Mattebewohnerinnen und Bewohner etwas besonderes ist. Einerseits ist er ein
Stück lebende Geschichte anderseits ist er ein Stück Natur und er bringt den
Anwohnern Lebensqualität. Er ist eine Art Lebensader der Matte.
Man sagt, der Giel und das Modi sind erst richtige Mätteler, nachdem sie
mindestens einmal pudelnass aus dem Mattebach geklettert sind.
Es wird angenommen, dass der Mattebach sehr alt ist, vielleicht schon vor
der Gründung der Stadt Bern genutzt wurde. In einem alten Vertrag steht: Im
Jahre 1360 kauften Schultheiss und Rat zu Handen der Stadt von Ritter Johann
von Bubenberg dem Ältern den Grund des heiligen Reiches in der Aare..., die
grosse Schwelle und den durch sie gebildete Kanal (heute Wasserwerkgasse)
samt den durch den letzteren getriebenen Wasserwerken, als Sägen,
Stampfwerke, Mühlen und Schleifwerken, ferner den Bach durch die Matte. Der
Kaufpreis betrug 1300 Goldgulden.
1488 zogen Gerber an die Matte, wo man ihnen zwei Häuser zuwies mit dem
Versprechen, dass diese Häuser ihnen für ewig als Werkstätten dienen und
weder verändert noch veräussert werden sollen. Später liessen sich weitere
Gerber in der Nähe nieder und richteten über dem Bach ihr Gewerbe ein. Das
blühende Gerberhandwerk war im 15./16.Jahrhundert in drei
Zunftgesellschaften organisiert: Ober-, Nieder- und Mittelgerbern. Die
Niedergerbern vereinigten sich 1567 mit den Obergerbern, deren Wappen auf
weissem Feld einen goldgekrönten schwarzen Löwen mit Gerbermesser zeigt;
dasjenige der Mittelgerber (mittelleuen) zeigt einen roten Löwen mit
Hellebarde auf weissem Feld. Um 1560 wird erwähnt, dass Gerbermeister ihr
Leder auf der gedeckten Untertorbrücke feilzuhalten pflegten. Von dieser
Zeit an hiess die Gasse Gerberlaube, erst später wurde sie zur Gerbergasse
(heute Gerberngasse) umgetauft.
Der Schleifebach, wie das da fliessende Wasser genannt wurde, hatte seinen
Namen von der ehemaligen Schleife, deren Radwerk der Bach trieb, bevor er in
die Aare floss.
Die Schleife stand ungefähr da, wo heute das Haus Gerberngasse 7 steht;
sie befand sich im Besitze von Peter Albrecht; der Betrieb ging 1389 an
dessen Sohn über. Nachdem das Unternehmen mehrmals den Besitzer gewechselt
hatte, wurde es 1492 von Erhard Spätling erworben, der damals Mitglied im
Grossen Rat war und 1522 samt seiner Gattin im Untern Spital (Klösterli) als
Pfründer aufgenommen wurde, wofür er dem Spital die Schleife überliess. Sein
Nachfolger, ebenfalls Grossrat, erwarb 1532 die Schleife vom Spital. Während
Jahrzehnten wurde die Schleife von Angehörigen der Familie Wolf betrieben
und erfuhr 1689 von Michael Ziegler, Wollweber und Färber, durch Anbau einer
Walke eine Erweiterung. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts entstand am Platz der
Schleife die Neumühle, welche während langer Zeit im Besitz der Familie von
Wattenwyl verblieb. Nachdem die Mühle während rund 50 Jahren verpachtet war,
ging sie 1816 an Fräulein Rosina von Grafenried und 1836 an den
Müllermeister Anneler über. Dieser liess 1851 einen Neubau erstellen und von
zwei auf drei Mahlgänge erweitern. Ferner wurde eine Röndle angebracht. 1874
verkauften die Erben Annelers die Mühle an Gottlieb Moser, Müllermeister am
Sulgenbach. Neuerlich wurde die Anlage verbessert; sie erforderte aber mehr
Kraft und somit mehr Wasser aus dem Bach. Dies führte zu Überschwemmungen
und damit zu Klagen und 1879 zu einem Prozess mit der Stadt. 1907 verkaufte
Moser die Mühlebesitzung samt den den Lehensmüllern als Wohnhäuser
diendenden Häusern 6 und 10 an die Kollektivgesellschaft A. & W.Lindt,
Schokoladenfabrik.
Im laufe der Zeit diente das seither Mühlebach genannte Wasser auch dem
Gewerbe weiterer Anwohner. Damit hatten jene einen Anteil an die
Unterhaltskosten zu entrichten. Gemäss Übereinkunft von 1811 wurde den
Besitzern der Gebäude 9-24 und 14 gestattet, durch einen vierzölligen Dünkel
Wasser aus dem Bach zu nehmen, wofür sie dem Bauamt jährlich 15 Batzen zu
entrichten hatten. Wegen des Grundwassers konnten die Gebäude nicht
unterkellert werden. Die tiefliegenden Lauben zeigen deutlich, dass das
Strassenniveau im Laufe der Zeit erhöht wurde. Wie am Mühleplatz und in der
Schifflaube dürften die tiefer liegenden Passagen auf einstige
Aareüberschwemmungen zurückzuführen sein, deren Schuttmassen das
Strassenniveau bereits seit Jahrhunderten nach und nach erhöht hatten.
Der Mattebach war früher grösstenteils offen. 1920 wird erwähnt, dass der
heute unsichtbare Teil in der Gerberngasse mit grossen Steinplatten
überdeckt war. In der Nähe des Gerberngassbrunnens befanden sich bis 1925
zwei Waschhäuschen, die dem 18. Jahrhundert zugeschrieben werden. Eines
davon wird aber bereits 1552 erwähnt: "an der Matten bym brunnen ein
wöschhüssli lassen ze machen". Jenes "Wöschhüsi", das heute nicht mehr
steht, besass ein weit vorspringendes Dach, unter dem die Wäsche "geribelt
und gebrätschet" wurde. Das Häuschen war baufällig und wurde von Nachtbuben
niedergerissen. Das notwendige Wasser zum Waschen wurde aus dem Bach
geschöpft. Im weitern wird erwähnt, dass der Bach auch als Viehtränke
genutzt wurde, gab es in jener Zeit ja etliche Stallungen in der Matte (z.B.
Gerberngasse 37).
Dem Bach entlang standen auch die Bottiche der Gerber. Es wird erzählt,
dass sich noch heute unterhalb des Mühleplatzes bei feuchtem Wetter ein Ring
abzeichne, der von den Überresten eines solchen Bottichs herrühre.
Literatur:
Durch die Tore Berns in die Gegenwart, Fr. Brechbühl
Matteänglisch, Matteänglisch-Club
Vom Frickbad bis zum Herzog-Berchtold-Haus, Eduard M.Fallet
An runden Tisch im Mühlirad verstand man die Welt (einmal mehr) nicht, als
vor kurzem herumgeboten wurde, der Mattebach solle noch in diesem Jahr
saniert werden. Somit soll die Strasse innert kurzer Zeit zum dritte Mal
während Wochen aufgerissen werden. Mit Bewunderung haben die Mätteler im
Sommer 95 die Marktgass-Sanierung mitverfolgt und darauf gehofft, dass man
auch in der Matte so bauen würde: gut plant, koordiniert, Verkehr gesperrt,
kurze Lärmbelästigung, kostengünstig, schönes Resultat.
Etliche Anwohnerinnen und Anwohner wünschten, dass bei dieser Gelegenheit
der versteckte Bach in der Gerberngasse wieder sichtbar gemacht würde. Da
Durchgangsverkehr und hohe Geschwindigkeiten in der Matte nicht mehr
geduldet werden, gäbe es jetzt Raum für einen offenen oder teilweise
sichtbaren Bach, wie er sich während hunderten von Jahren präsentiert hatte.
Dadurch könnte der untere Teil der Gerberngasse und damit auch das
Alltagsleben der Mättelerinnen und Mätteler verschönert werden.
Da die Anwohner jedoch leider nicht gefragt wurden, kam ihr Wunsch zu spät
und konnte von der Stadt nicht berücksichtigt werden. Dies obwohl der
Matteleist, mehrere Anwohner, Stadträtin Lilo Lauterburg, die Denkmalpflege
und die Berner Presse sich stark für diese Idee einsetzten. Herr Arn vom
Tiefbauamt bot interessante Lösungen an, auch diese wurden jedoch nicht
angenommen. Zeitdruck, Kosten, Verkehrsführung und Sicherheit spielten dabei
eine Rolle.
Der Bach wird nun ausgegraben und in der untern Gerberngasse in
Beton-U-Profile mit Betondeckel gelegt. Herr Arn betont, dass diese
"Beton-Lösung" nicht endgültig sei und eine Öffnung in den nächsten Jahren
möglich sei - allerdings nur zusammen mit der Verkehrsplanung. Er sucht auch
nach einer Lösung zur Sichtbarmachung des Bachverlaufs mittels optischer
Markierung, dies könnte ev. durch einen speziellen Belag geschehen. Immerhin
haben die Gespräche der letzten Wochen bewirkt, dass der obere Bachlauf
überdacht wurde. Wir dürfen gespannt sein, wie unser Mattebach nach der
Sanierung aussehen wird.
Mich bringt eigentlich nicht so schnell was aus der Ruhe... und wenn doch,
werde ich leider etwas lauter!
Ich bin auch bereit, eine andere Meinung zu akzeptieren. Ich habe jedoch
Mühe, eine gegenteilige Meinung Vereinzelter - gegen eine Mehrheit -
akzeptieren zu müssen... wie dies leider in unserem Quartier hin und wieder
üblich ist.
2 Beispiele:
Da ist eine Mehrheit der Matte-Bewohner und Gewerbetreibende seit Jahren
der Meinung, dass uns eine Blaue Zone wesentliche Erleichterungen bringen
könnte. Rund um unser Quartier gibt's nur noch blaue Parkfelder. Trotz
Fahrverbot (mit Zubringer) stehen unberechtigte Fahrzeuge Tag und Nacht -
tagelang! - gratis in der Matte! So bin ich überzeugt, dass wir mit der
Blauen Zone weniger Parkplatz (und Lärm-)Probleme hätten. Dies müsste
eigentlich auch im Interesse des Matte-Gewerbes (inkl. Restaurants) liegen.
Aber eben: da erheben vier Matte-Gewerbler Einsprache - und wir leben
weiterhin auf Jahre im Chaos!
Da findet sechsmal im Jahr jeweils an einem Samstag ein Flohmärit auf dem
Mühlenplatz statt, welcher sich einer grossen Beliebtheit erfreut - uns
allerdings zugegebenermassen wiederum zusätzlichen Lärm und Autos bringt.
Die vielen (auswärtigen) Besucherinnen und Besucher wiederum lernen unser
Quartier von einer anderen Seite kennen: die Matte lebt! Aber eben: da rufen
einzelne Bewohnerinnen und Bewohner die Polizei, um die Falschparkierer zu
büssen! Was geniessen, ja was erreichen diese Anrufer? (Mich stören die
„Verkehrsbehinderungen" nicht - für einmal kann die Tempolimite nicht
überschritten werden!) Ist diesen klar, dass sie durch ihr Verhalten den
Fortbestand des Flohmarits gefährden? Die Bussen sind inzwischen bekanntlich
erhöht worden, und für Marktfahrer sind die Umsätze nicht derart, dass
zusätzliche „Spesen" noch drin liegen.
Ich könnte Ihnen noch andere Beispiele nennen, wo wir uns um
Verbesserungen bemühen, leider jedoch durch Einzel-Gegenaktionen behindert,
vereitelt, blockiert werden oder Unzufriedenheit gesät, provoziert wird...
Abgesehen davon scheint es mir äusserst billig, „einfach dagegen zu sein",
ohne einen realistischen Gegen-Vorschlag anzubringen, ohne Unterstützung für
mögliche andere Lösungen...
Das nervt mich und stellt meine/unsere Arbeit in Frage: Was soll's - Einer
ist immer dagegen! Egal was wir machen. Sind unsere Bemühungen sinnlos?
Eigentlich schade, das Leben in der Matte wäre so schön: Wenn Jedes und
Jeder seine (gegenteilige) Meinung uns mitteilen und/oder mit uns das
Gespräch suchen würde. Vorausgesetzt, dass sie und/oder er auch für unsere
Argumente Gehör hat!
Mit einigen Mättelern produzierte Radioredaktor Georges Wettstein eine
Radiosendung, die am 24.10.1996 auf DRS1 ausgestrahlt wurde. Housi Bätscher,
Resu Margot, Louis Schläppi, Schtine Stanka und Käru Thüler musizierten und
erzählten. Wir besitzen eine Tonbandaufnahme dieser Sendung, die wir
interessierten Mättelerinnen und Mättelern gerne zum Hören zur Verfügung
stellen. Schöre interessierte sich für die seltene "Teufelsgeige".
Käru, was ist ein Tscharadas?
"Das Instrument besteht aus einem ungefähr 2 Meter langen Holzstab. Oben
ist eine Cimbale. Unten ist ein Tamburin mit einer überspannten Saite
angebracht, dort gibt man mit einem geritzten Stab den Ton an."
Wie bist du zu diesem Instrument gekommen?
"Das hatte Paul Schär, ein Kollege von der Matte, gemacht, im Aareclub, im
Depot. Er hatte es auf einer Fernfahrt entdeckt. Vermutlich stammt es aus
dem ungarisch-österreichischen Grenzgebiet. Er schaute das Instrument an -
er war ein Kenner- und baute es nach. Und es funktionierte auf Anhieb.
In der Matte gab es bis jetzt drei Tscharadas. Das Erste, das wir hatten,
das war aus einem alten Haselstrauchast, der so gebogen war, dass man unten
das Tamburin montieren konnte. Dieses Instrument wurde einem Liebhaber
verkauft. Das zweite, da hatten wir mal "Grübu" unter einander, warf einer
von in die Aare. Danach wurde ein Drittes gemacht.
Leider ist Pole gestorben, seither spiele ich darauf weiter. Sonst kann
das in der Matte niemand mehr."
Die Kapelle Felsenburg hat in der Zwischenzeit einen weiteren Musiker
bekommen. Fridu Burri spielt Akkordeon und hat an den zwei Platzkonzerten
vor dem Wüschhüsi diesen Sommer mitgemacht. Die Musiker spielen regelmässig
in der Felsenburg und freuen sich auf neue Auftritte.
In der Felsenburg: Res Margot, Langnauerli; Karl Thüler, Tscharadas; Hans
Bätscher, Gitarre
Der Kreis der Itteme-Irerschne wird immer grösser! Laufend melden sich
Leute, die das Matteänglisch können, oft „ltere Higgens, aber auch jüngere
und auch erfreulich viele Moosseli (wir haben eigendlich gemeint, das ME sei
eine Männersache). Die meisten wünschen sich sehnlichst Partner zum
Ireschne. Wir suchen nach Lösungen!
Iutsche imeze
Letzten Sommer hatte die Matte Besuch der Universität Chicago (USA). Die Professoren Franziska Lys und Bill Anthony filmten in der Felsenburg einige Mätteler beim Musizieren und "Prichten". Der Film mit dem Titel "Drehort: Bern" soll an den Amerikanischen Universitäten als Lehrmittel eingesetzt werden. Die in Bern aufgewachsene Projektleiterin Franziska Lys lebt seit vielen Jahren in Chicago. Wie klein oft die Welt ist, stellte sich bei den Dreharbeiten heraus: Franziskas Vater war nämlich der Lehrmeister eines anwesenden Mättelers.
Vor einigen Jahren entstand die Idee, via "Matte-Rattte"-Vignette einen
Ueberblick zu erhalten, welche Autos unberechtigt in unserem Quartier
parkieren. Diese Aktion verlief im Sande, weil wir zur Verzeigung
unberechtigter Parkierer von Seiten der Polizei keinerlei Unterstützung
erhielten.
Immerhin möchten wir diese Matte-Ratte gerne weiterhin an Berechtigte
abgeben! Dadurch könnte sich unsere Annahme, dass eben relativ viele Autos
verbotenerweise bei uns abgestellt werden (Dauerparkierer!), erhärten und
Diskussionen mit der Stadt und der Polizei erleichtern.
Die lustige Vignette erhalten Sie wenn Sie hier Ihren Namen, Ihre Adresse
und die Autonummer eingeben
Sie schützt Sie jedoch nicht vor Bussen bei
strafrechtlichem Verhalten!
Der Herbst - mit den kürzer werdenden Tagen, den Nebelschwaden, den
fallenden Blättern - regt uns an, nachzudenken. Gerade die Zahlen der
letzten schweizerischen Volkszählung, welche zeigen, dass es in allen
Städten und Kantonen und in der ganzen Schweiz mehr Alleinlebende als
Verheiratete gibt, stimmen nachdenklich. Denn besonders für viele
Alleinstehende ist diese Zeit problematisch.
Wir leben in einer Gesellschaft, die in einer grossen Umwälzung, sogar in
einer grossen Krise steckt. Das geordnete Familienleben ist in Gefahr, der
Existenzkampf ist zu gross - die Menschen gestresst, unzufrieden - all dies
führt zu unaufhaltbaren Schwierigkeiten und Problemen. Die Frau von heute
nimmt eine neue Stellung in Familie und Beruf ein. Der Mann in seinem harten
Existenzkampf ist nicht mehr jene Figur wie sicherlich einst. Die Kinder
sind noch nicht fähig, die von ihnen verlangte Selbstsicherheit zu beweisen
und suchen nach einer für sie sicheren Lösung, die es nicht mehr gibt.
All diese neuen Aspekte führen unweigerlich dazu, dass kein Mensch, keine
Generation mehr Kraft hat, dem andern zu helfen. Alle Menschen sehnen sich
nach Geborgenheit. Jeder sucht nach einem festen Halt, nach einem letzten
Standort, nach unverlierbarer Heimat. Der eine baut auf Geld, der andere auf
Ideologie, und der dritte auf gute Beziehungen. Schrecklich wird es, wenn
dann Stützen brechen, auf die man sein Schwergewicht verlegt hat. Wie kann
ein Mensch verzweifeln, wenn die Liebe, auf die er gesetzt hat, ihm entzogen
wird - wenn sich materielles und geistiges Gesichertsein als Illusion
erweist. All diese Probleme führen dazu, dass man sich nicht mehr versteht,
nicht tolerant ist, nicht mehr durchhalten, nicht mehr dem andern beistehen
kann. Viele Menschen suchen nach einer Illusion, die es nicht mehr gibt, sie
sehnen sich nach Wärme, Liebe und Verstehen. Jeder sucht, und keiner will
und kann mehr geben. Jeder leidet, und keiner heilt die Wunden. So baut man
sich, in Form von Egoismus, einen Schutzmantel um, um sich vor der Härte zu
schützen. Man hat nicht den Mut, zu seiner eigenen Unzulänglichkeit zu
stehen, das Gespräch zu suchen, und so lebt man allein, einsam auch in der
Partnerschaft, was zur Scheidung führen kann.
Die Kraft, den heutigen Existenzkampf durchzustehen, haben nicht alle
Menschen - sie werden krank und verbittert. So stehen plötzlich unzählige
allein mit ihren vielen Fragen nach dem "Wie" und "Warum" im Leben. Immer
allein durchs Leben zu gehen, mit all der grossen Verantwortung und ohne
Hilfe, bringt manchen Menschen in Schwierigkeiten. Auch junge Menschen sind
durch diese neue Gesellschaftskrise ebenso in Schwierigkeiten, auch sie
haben Mühe, dem Leistungsdruck zu widerstehen, den Kontakt zu finden - und
suchen dann einen traurigen Weg aus dieser für sie ausweglosen Situation.
Das Resultat all dieser Situationen sind: die Einsamkeit, das Alleinsein,
die Verlassenheit. Doch gerade hier ist der Scheideweg, wo Menschen stehen
und bereit sind, Hilfe zu leisten und ihre Kraft zum andern DU einsetzen.
Aus diesem Grunde sind wohl so viele Randgruppen entstanden, die begriffen
haben, dass man gemeinsam sich besser helfen kann und auch stärker ist. Die
heutige Gesellschaft ist so konzipiert, dass nicht mehr ein gemeinsames
Leben und Leiden gewährleistet ist.
1978 wurde in Bern die erste schweizerische Selbsthilfegruppe für
Alleinstehende gegründet. "Ring i der Chetti Bärn" hat heute noch dieselben
Zielsetzungen. Sie ist politisch und konfessionell neutral und steht
Alleinstehenden aus dem ganzen Kanton Bern offen. Da sie weder ein Verein
noch ein Club ist, hat sie keine Funktionäre, damit es funktioniert, sondern
jedes trägt etwas bei, wie es der Sinn einer Selbsthilfegruppe ist.
Wöchentlich werden Treffs, Wanderungen, Gesprächsabende etc. angeboten.
Auskunft erhalten Sie gegen ein frankiertes Couvert an das Sekretariat
"Ring i der Chetti Bärn", Postfach 161, 3360 Herzogenbuchsee.